„Ich will nicht in die Kita!“ – Wutanfälle gut begleiten

Wutanfälle gut begleiten

Neulich habe ich eine traurige Szene beobachtet. Schon von weitem hörte ich ein Mädchen aus vollem Halse schreien: „Nein – ich will nicht in die Kita!“. Der Vater blieb konsequent und trug sie auf dem Arm Richtung Kita.

Vielleicht kann man sogar die Ruhe des Vaters bewundern, denn es gibt sicher Eltern, die aus Verzweiflung ebenfalls anfangen zu schreien oder gar grob werden.

Nun, dieser Vater blieb ganz ruhig und doch hat das dem Mädchen und der Beziehung der beiden nicht geholfen. Die Ruhe des Vaters wirkte nicht regulierend, sondern kalt. Seine Worte kamen nicht bei ihr an sondern putschten sie auf zu noch stärkerem Widerstand, denn sie versuchte vergeblich, sich zu befreien und wurde immer lauter.

Es lief ungefähr so ab:

Tochter: „Ich will nicht in die Kita!“
Vater: „Ich wollte eigentlich mit Dir nachmittags auf den Spielplatz gehen.“
Tochter: „Ich will nicht in die Kita!“
Vater: „Wenn Du so schreist, gehe ich doch nicht mit Dir.“
Tochter: „Ich will nicht in die Kita!“
Vater: „Das ist viel zu laut.“
Tochter: „Ich will nicht in die Kita!“
Vater: „Du brauchst nicht so schreien.“
Tochter: „Ich will nicht in die Kita!“
Vater: „Hör endlich auf zu schreien.“
Tochter: „Ich will nicht in die Kita!“
Vater: „Kannst Du nicht hören?“
Tochter: „Ich will nicht in die Kita!“ (und die Kitatür schlug hinter ihnen zu)

Vielleicht magst du erst einmal die Sätze auf dich wirken lassen. 
In wen kannst du dich leichter hineinversetzen? In den Vater? In die Tochter? Was mag in ihm vorgegangen sein? Was wird sie gefühlt haben?
Und warum kamen die Worte des Vaters nicht bei der Tochter an? Er meinte es doch sicher gut!

Ich möchte die Sätze gern etwas beleuchten und fange mal mit dem Vater an:

  • „Ich wollte eigentlich mit Dir nachmittags auf den Spielplatz gehen“

Es schwingt schon etwas bedrohliches mit, er deutet an, dass er ihr etwas schönes wegnehmen will. Die Erpressung wird noch nicht ausgedrückt, der Vater ist jedoch passiv aggressiv.

  • „Wenn Du so schreist, gehe ich doch nicht mit Dir auf den Spielplatz.“

Er spricht die Erpressung aus und sagt ihr gleichzeitig (und ohne es zu merken) „Ich gebe dir die Macht, mein Verhalten zu beeinflussen.“

  • „Das ist viel zu laut.“

Damit teilt er ihr mit, was sie eh schon weiß. Es irritiert sie, denn sie ist doch extra laut, weil sie endlich gehört werden will!

  • „Du brauchst nicht so schreien.“

Da ist sie sich nicht so sicher – er scheint sie nicht zu hören, ihr Anliegen scheint nicht anzukommen bei ihm.

  • „Hör endlich auf zu schreien.“

Auch das kommt nicht an, sie ist so in ihrer Wut, dass sie nicht in der Lage ist, aufzuhören.

  • „Kannst Du nicht hören?“

Nun, die Frage scheint absurd zu sein, denn: NEIN, sie kann in der Tat nicht hören, denn ihr Neokortex (der Teil des Gehirns, mit dem wir denken und vernünftig sein können) ist ausgeschaltet, sie ist nicht nur wütend, sie IST Wut.
Dazu kommt, dass der Vater leider kein gutes Vorbild im HÖREN ist. Wie kann sie hören, wenn er es nicht tut? Aus (unbewusster) Kindersicht müsste er ihr erst einmal zeigen, wie es geht, in SO einer bedrohlichen Situation ruhig zuzuhören!

„Ich will nicht in die Kita“: das ist persönliche Sprache pur!

Auf den Text der Tochter muss ich wohl nicht weiter eingehen: sie sagt klar und deutlich, verbal und mit Einsatz ihres Körpers, was sie nicht will 😉

Sie hätte vielleicht einen Weg gefunden, mit dem Schreien aufzuhören, wenn der Vater mit ihr in Beziehung oder Verbindung gegangen wäre. Sie war verzweifelt, weil sie nicht gehört wurde. In dieser Situation schaltet unser Neokortex aus, also der Teil vom Gehirn, der vernünftig sein und denken kann. In Zeiten emotionaler Not geht es ums Überleben und sie teilt so deutlich wie es ihr möglich ist mit: „ich will nicht in die Kita“ = „nur so überlebe ich“.

In so einem Moment kannst du das/ dein Kind nur über Verbindung erreichen. Du musst mit dem Kind in Beziehung gehen und zuerst zuhören!

Achtung: es geht nicht darum, einen Wunsch zu erfüllen, es geht ums hören!

Also das Zuhören: das machst du am besten aktiv, indem du das/dein Kind anschaust, ein echtes Interesse hast, zuzuhören und indem du ganz ruhig wiederholst, was das Kind gesagt hat. Das machst du so lange, bis du merkst, dass das Kind entspannt, z.B. plötzlich tief einatmet, seufzt, lächelt usw.

ERST DANN ist es soweit, dass du sagen kannst, was dir wichtig ist, denn erst dann ist dein Kind soweit, dass es auch zuhören kann. 

Erst, wenn die zwischenmenschliche Verbindung hergestellt ist, schaltet sich der Neokortex wieder ein und ist empfänglich für rationale Botschaften.

Der Neokortex ist übrigens ein Teil der Großhirnrinde und ist erst mit Ende Zwanzig (!!) komplett ausgereift. Im Neokortex wird rational gedacht, man kann dort vernünftig sein, Lösungen finden usw.

Lassen wir das Gespräch doch mal anders verlaufen:

Tochter: „Ich will nicht in die Kita!“
Vater (schaut sie an, nickt): „Ah, du willst nicht in die Kita“
Tochter: „Genau, ich will nicht in die Kita!“
Vater: „Ja, ich höre, dass du nicht in die Kita gehen möchtest“
Tochter: „Ja, da ist es echt doof“
Vater: „Oh, du findest es doof in der Kita.“
Tochter: „Ja, der Max ärgert mich immer.“
Vater: „Okay, du ärgerst dich wohl über ihn?“
Tochter: „Ja genau und deshalb will ich heute nicht gehen.“
Vater: „Ja, das verstehe ich.“
(Pause und warten auf ein körperliches Zeichen, dass das Kind sich beruhigt, z.B. ein Atemzug). 
„Ich mag dich trotzdem jetzt in die Kita bringen, denn ich möchte pünktlich bei der Arbeit sein.“ 
(kurze Pause und schauen, wie das Kind reagiert)
„Brauchst Du noch etwas, um in die Kita gehen zu können?“ 
(warten und Geduld haben, manchmal kommt erst nach 1-2 Minuten eine Antwort, manchmal kommt gar nichts. Ganz sicher kommt aber dein Interesse beim Kind an und es arbeitet innerlich).

Tochter: „Du sollst mir vorlesen.“
Vater: „Aus diesem Buch hier lese ich Dir noch 2 Seiten vor, okay?“
Tochter: „Okay“

Na, entspannst du dich auch gleich beim Lesen?

Oh, ich höre schon die Einwände 😉

  • Auch noch vorlesen? Soll sie denn ihren Willen kriegen, wird sie dann nicht verzogen?

Nun, der Papa bekommt seinen Willen, denn sie geht für ihn in die Kita, obwohl sie nicht möchte. Da kann er ein bissl vorlesen, oder? Ist das nicht entspannter, als ein schreiendes Kind in die Kita zu tragen?

  • Ich muss aber wirklich pünktlich sein und hab nicht die Ruhe, noch was zu lesen!

Dann richte dir die Zeit so ein, dass Du 15 Minuten Puffer hast! Wenn es zum Konflikt kommt, dann hast Du keinen Stress, sondern die Ruhe weg, um mit deinem Kind in Verbindung gehen zu können. 
Läuft alles wie geschmiert, dann kommst du 15 Minuten früher aus der Kita raus, setzt dich ins nächste Café und genießt einen Espresso (aber sitzen und mit Tasse… kein To Go! ;-))

  • Sollte sie nicht lernen, dass man auch unangenehme Dinge tun MUSS?

Nun, das lernt sie früh genug und ganz sicher macht sie das auch schon. Hier ist es wichtiger, die Beziehung der beiden zu schützen und wenn Papa in Verbindung (in Beziehung) geht im Konflikt, dann lernt sie etwas viel wichtigeres: sie lernt, dass sie eine andere Meinung haben darf und trotzdem die Liebe ihres Vaters behält. Sie lernt, dass ihr Wunsch, der dem des Vaters konträr ist, genauso wichtig ist wie sein Wunsch. Und sie macht die schöne Erfahrung, dass sie sich nicht durchsetzen muss, sondern Anerkennung (i.S. von Akzeptanz) bekommt. Und wenn ich mich anerkannt und geliebt fühle – ach ja, dann tue ich dem mir verbundenen Menschen gern einen Gefallen. Und so geht sie ihm zuliebe in die Kita. Denn das macht sie ja sowieso jeden Tag und an manchen Tagen wäre es eben sehr viel schöner, zu hause zu bleiben. 

Wenn man einem Kind mit Verständnis begegnet, dann ist es fast unbegrenzt entgegenkommend und kooperativ!

Probier es doch mal aus – was kann schon schief gehen? Schlimmer als ein schreiendes Kind in die Kita zu tragen, wird es wohl sicher nicht 😉

Apropos: Wie werden wohl die Erzieher*innen in der realen Situation reagiert haben? 

Ich wünsche dem Mädchen eine Person, die zu ihr sagte:

„Ah, ich höre, du wolltest nicht herkommen und nun bist du doch hier. Gibt es etwas, was ich tun kann, damit es für dich heute trotzdem schön wird?“

Und vielleicht kennt diese*r Erzieher*in es auch, nicht so gern zur Arbeit gehen zu wollen, dann wäre es für das Kind sicher toll (und sehr beziehungsfördernd) zu hören:

„Das kenne ich gut, ich mag auch manchmal nicht herkommen!“

(Und Schluss… nicht noch erklären, dass man trotzdem kommen muss usw….. sonst wird das zarte Band der Verbundenheit gleich wieder gekappt und aus „wir sind gleichwürdig“ wird ein „ich bin erwachsen und weiß es besser“…)

Du schaffst das!

In meinem Artikel „Gelassene Erwachsene – entspannte Kinder“ gehe ich näher auf die Funktionen des Gehirns und seinen Einfluss auf unsere Regulationsfähigkeit ein.
Wenn Du interessiert bist, mehr zu erfahren und/ oder in einer online Gruppe zu üben, ist vielleicht mein Onlinekurs etwas für Dich?

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