Heute geht es um das Tabuthema „Gewalt unter der Geburt“.
Diesen Artikel habe ich von meiner Nervensystem-Webseite auf meine Praxisseite geholt, da ich als SE-Therapeutin inzwischen vermehrt Frauen dabei unterstütze, Geburtstrauma zu verarbeiten, und er – meines Empfinden nach – eher zu dieser Webseite gehört.
Der Artikel ist von 2024, als ich durch eine Blogparade auf den Aufruf gestoßen bin, über ein Tabu zu schreiben.
In meinem Leben gibt es einige Tabus, und ich fragte mich, welches davon ich teilen mag mit der Welt?
Mit einem Thema möchte ich anfangen, es scheint mir erst mal leichter zu fallen.
Ich möchte heute über Gewalt unter der Geburt schreiben. Ich habe dabei meine Geburtserfahrung im Kopf und auch die einer Klientin. Und ich weiß auch von anderen Klientinnen, dass sie Gewalt unter der Geburt erlitten haben.
So erkennst du Gewalt unter der Geburt
Gewalt unter der Geburt hat viele Gesichter. Es wird davon ausgegangen, dass 10–50 % aller Frauen Gewalt unter der Geburt erleben. Dazu zählen körperliche Gewalt wie der Kristellergriff oder unnötige Schnitte, aber auch Beschämung, Irritation oder Alleingelassenwerden als psychische Gewalt.
Wie wird letzteres erfasst? Nehmen wir sie als „normal“ hin? Oder sind wir im Moment der Geburt überfordert, sodass wir sie nicht als Gewalt einordnen können? Bleibt nur ein doofes Gefühl der Verunsicherung und Verstörung zurück?
Hier möchte ich einen kleinen Ausschnitt zusammentragen, damit du ein Bild davon bekommst, was gemeint sein kann:
- Medizinische Eingriffe oder Maßnahmen, die ohne Einverständnis vorgenommen werden (außer in Notfällen)
- medizinische Eingriffe, die nicht vorgenommen werden, obwohl sie notwendig wären
- Maßnahmen, zu denen die Schwangere gegen ihren Willen überredet wird
- unsachgemäße/gewaltvolle medizinische Behandlung
- psychische Gewalt wie Alleingelassenwerden, herablassende Äußerungen, Entwürdigung u.a.
- Trennung vom Kind ohne medizinische Gründe
- Androhung Kaiserschnitt/Sedierung
- Maßnahmen ohne Aufklärung
- Alternativen verschweigen
- keine oder falsche Aufklärung über Risiken….
Quelle: https://www.gerechte-geburt.de/wissen/gewalt-in-der-geburtshilfe/
Die Liste ist noch länger und detaillierter auf den Webseiten von Roses Revolution, dem Verein „Trauma Geburt e.V.“ sowie gerechte-geburt.de
Und auch ohne diese Situationen kann eine Geburt traumatisch erlebt werden! Z.B. wenn du dich allein gelassen fühlst oder überrumpelt von Änderungen im Geburtsablauf.
Auswirkungen auf die Familie
Gewalt bei der Geburt hat weitreichende Auswirkungen: Zuallererst ist natürlich die Gebärende betroffen. Sie fühlt sich vielleicht falsch, nicht fähig oder einfach nur komisch, ohne es benennen zu können. Aber auch der Partner/die Partnerin fühlt sich häufig überfordert, hilflos und ausgeliefert. Er/sie möchte der Mutter und dem Kind helfen und kann es nicht! Was für eine schreckliche Erfahrung, auch das kann traumatisieren!
Die Hilflosigkeit beider kann sich negativ auf die Partnerschaft auswirken, sodass es immer schwerer wird, Zugang zueinander zu finden.
Doch auch das Kind wird nicht verschont: Die Stresshormone der Mutter, welche sie noch tage-, wochen- oder monatelang ausschüttet, weil sie erschöpft, geschwächt, an sich zweifelnd oder aus unerfindlichen Gründen gereizt ist, wirken auch auf das Kind. Vielleicht schreit es daher mehr als andere, schläft schlechter und kann sich nur schwer beruhigen. Wie denn auch? Ein Kind braucht ruhige und regulierte Eltern, um selbst ruhiger zu werden!
Wenn dir das alles bekannt vorkommt, dann verzweifle nicht: All das sind normale Reaktionen auf unnormale Ereignisse.
Meine eigene Geburtserfahrung, die ich als traumatisierend und retraumatisierend erlebt habe
Ich möchte meine persönliche Erfahrung teilen, um dir zu zeigen, dass es Worte gibt und es gut tut, Worte zu finden. Vielleicht tut es dir auch gut, von mir zu lesen – du bist nicht allein. Ich versuche, nicht ins Detail zu gehen.
Überlege dir, ob du das lesen willst – insbesondere, wenn du schwanger bist!
Es sollte meine erste Geburt werden.
Vom Vater des Kindes war ich aus guten Gründen getrennt. Meine Mutter und meine Freundin, ebenfalls Mutter, wollten mich bei der Geburt unterstützen. Ich wollte die beste Geburt haben, die es geben könnte, für meinen kleinen Sohn und mich. Ich habe mich für ein Geburtshaus im Zentrum Berlins entschieden. Es ist ein bekanntes Geburtshaus mit zwei Standorten. Es klang für mich wie die Garantie für eine gute Geburt.
Letztendlich ist ein Geburtshaus jedoch auch nur ein Ort, an dem Gewinn erwirtschaftet werden soll.
Ich möchte hier nicht die Geburt in Geburtshäusern schlechtmachen, denn ich weiß, dass viele Frauen positive Erfahrungen machen. Meine war durchweg schlecht.
Die Hebamme war ständig abwesend, ließ die Tür zu meinem Zimmer offen, in dem ich ausgebreitet und schreiend lag. Es gab keine Privatsphäre für mich. Wie entwürdigend!
Als die Geburt nicht voranging (Stirnlage, verschwindende Herztöne), weigerte sie sich, mich ins Krankenhaus einliefern zu lassen: „Das schaffen wir auch so!“
Glücklicherweise bestand meine Mutter darauf. Dann wollte diese Hebamme tatsächlich, dass ich in meinem Zustand in ihren Pkw steige (damit sie für den Rückweg ein Taxi nehmen braucht). Auch hier konnten sich zum Glück, meine Mutter und meine Freundin durchsetzen und auf einen Krankenwagen bestehen, der mich dann auch sofort mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren hat.
Der Krankenwagen fuhr mit Blaulicht über die Autobahn Richtung Steglitz. Im Krankenhaus angekommen, schob man mich sofort in den OP-Saal. Das Entsetzen der Ärzte war deutlich. Sie nahmen mir jede Entscheidung ab: Es sollte eine Vollnarkose geben: „Für eine PDA haben wir keine Zeit mehr, das Kind muss raus.“
Trotzdem musste ich noch einen Wisch unterschreiben. Ich sehe mich immer noch, wie ich da liege, mir jemand einen Zettel hinhält und ich irgendwo meinen Namen krakele. Keine Ahnung, was da stand, mein einziger Gedanke: „Gott sei Dank machen sie jetzt das Licht aus“ – und schon war ich weg…
Als ich wieder aufwachte, blickte ich nach rechts. Dort saß meine Mutter mit einem Bündel im Arm. Ärmchen und Füßchen schauten heraus. Mein Sohn war da, und meine Mama war die Erste, die ihn gehalten hat. Ich war so dankbar, dass sie da war!
Ich schlief wieder ein und erwachte am nächsten Morgen neben ihm. Im Krankenhaus kümmert man sich rührend um mich. Man kenne das ja schon, die schlimmsten Fälle kämen aus dem Geburtshaus. Weil es eben immer so spät ist.
Als die Rechnung des Geburtshauses kam, habe ich mit Anzeige gedroht. Daraufhin zog sie die Rechnung wieder zurück.
Dies war heilsam für mich, denn es glich einem Schuldeingeständnis.
Lange litt ich unter Schuld- und Schamgefühlen, weil ich mein Kind nicht natürlich zur Welt gebracht hatte.
Inzwischen weiß ich, dass es vielen Müttern so geht, die eine sekundäre Sektio erlebt haben. Es hat sich auch gezeigt, dass Mütter weniger an Traumafolgestörungen nach der Geburt leiden, wenn sie die Möglichkeit bekommen, die Geburt mit jemandem vom Personal noch einmal zu besprechen.
Du bist nicht allein mit diesen Erfahrungen
Ich hatte damals tatsächlich keine Ahnung, dass eine Geburt auch dramatisch verlaufen kann. Natürlich wusste ich, dass es keine ideale Geburt geben könne, und doch war ich der Idee unterlegen, alles so vorzubereiten, dass es eine ideale Geburt geben würde. Ich wollte so gerne auf natürlichem Wege entbinden, dass ich nicht offen war für die Realität. Und wo findet man dann auch die Realität? Wo erfährt frau denn als Schwangere wirklich, was bei einer Geburt alles passieren kann? Und ist es denn überhaupt gut, während der Schwangerschaft Horrorgeschichten über eine Geburt zu lesen oder zu sehen? Sicher nicht! Es ist eine schmale Gradwanderung. Ich denke trotzdem, dass es wichtig ist, aufzuklären, um romantische Vorstellungen zu beenden.
Bei einer Klientin von mir wurde der Kristellergriff angewendet. Sie hatte wahnsinnig viele Schmerzen – und das über Jahre. Ihre Sexualität und infolgedessen ihre Partnerschaft wurden erheblich gestört.
Das Schlimmste aber ist, dass sie sich jahrelang allein gefühlt hat damit. Jahrelang hatte sie sich gewundert, warum Frauen mehr als ein Kind bekommen! Sie hatte ihre Erfahrung tatsächlich für normal gehalten.
Ich denke, dass es den meisten Frauen so geht wie meiner Klientin, denn über diese Art von Erfahrung wird einfach sehr wenig gesprochen. Ein Geburtstrauma ist ein riesiger Einschnitt in das Leben einer Frau, welche sich überwiegend um ihr Baby kümmern möchte. Die eigenen Befindlichkeiten geraten somit schnell aus dem Blickfeld.
So ging es mir jedenfalls und so ging es auch meiner Klientin. Meine Klientin hat erst nach sechs Jahren einen Artikel über den Kristellergriff gelesen und damit begriffen, dass das, was sie erlebt hat und was ihr angetan wurde, überhaupt nicht normal ist! Das Ereignis an sich ist nicht normal für eine Geburt! Normal sind aber der Schmerz und die körperliche und seelische Veränderung, die das Ereignis mit sich gebracht hat. Dies war einerseits erschreckend für sie und andererseits auch beruhigend. Jetzt wusste sie, dass sie normal ist. Sie kam zu mir in die Therapie, um dieses Trauma aufzuarbeiten.
Irgendwann hat sie mir erzählt, dass ein Kollege von ihr Vater geworden ist, und sie sich einfach nur freuen konnte und nicht das Bedürfnis hatte, ihre eigenen Erfahrungen mitzuteilen. Das war für sie der Punkt, an dem sie realisierte, dass sie das Trauma in sich integriert hat und es „okay“ ist.
Kein Tabuthema mehr: Roses Day
Dass keine Frau mit einem Geburtstrauma allein ist, wird spätestens dann klar, wenn man auf den Seiten von Roses Revolution und dem Verein Trauma Geburt unterwegs ist.
Am 25.11. legen seit 2011 weltweit Frauen an den Orten, an denen sie Gewalt unter der Geburt erlebt haben, eine Rose ab.

Jahrelang stand dieses Datum bei mir im Kalender, bis ich 2023 das erste Mal nach der Geburt meines Sohnes mit meiner Freundin, die mir bei der Geburt zur Seite stand, zum Geburtshaus ging und meine Rose dort an der Tür befestigte. Ich schätze, dass sie nicht lange dort hängenblieb. Für ein Foto hat es gereicht.
Mir tut es gut, zu wissen, dass ich nicht allein damit bin und ich Frauen Mut machen kann, sich mit ihrer Erfahrung zu zeigen.
Führt Gewalt unter der Geburt zu einem Trauma?
Peter Levine sagt, dass Trauma nicht im Ereignis liegt, sondern im Nervensystem. Ich hatte Glück, dass sich meine Freundin und meine Mutter so für mich einsetzten. Die Erfahrung hätte weitaus traumatischer werden können.
Trauma entsteht, wenn wir nicht erfolgreich fliehen oder kämpfen konnten und überwältigt wurden.
Ich hatte es „geschafft“ – ich kam da raus und mir wurde geholfen. Ich wurde dann im Krankenhaus optimal versorgt. Trotzdem habe ich lange unter den Folgen gelitten.
In Bezug auf deine Geburt kannst nur du das für dich beantworten.
Kommen bei dir immer wieder Gefühle der Hilflosigkeit, Ohnmacht oder der Trauer hoch? Dann sei mitfühlend mit dir und hole dir Unterstützung!
Meine Vision: Geburtstrauma als Gesprächsthema
Es wäre wunderbar, wenn Ärztinnen und Hebammen in den Gesprächen mit den Schwangeren ansprechen, wie sie ein Geburtstrauma verhindern können. Wenn sie traumsensibel ausgebildet würden und sanft nachfragen, ob die Schwangere Gewalt erlebt hat. Denn Menschen, die Übergriffe erlebt haben, reagieren besonders empfindlich in Situationen, in denen sie sich hilflos und ausgeliefert fühlen. Unter der Geburt kann ein harmlos gemeintes „Legen Sie sich mal auf den Rücken“ ein echter Trigger sein, sodass die Geburt zum Stillstand kommen kann!
Es ist also essenziell, präventiv über Gewalt und Gewalterfahrungen zu sprechen, um Gewalt und somit ein Geburtstrauma zu verhindern.
Was kannst du für dich tun, um dich vor Gewalt bei der Geburt zu schützen?
- Zuallererst: Mach dir klar, dass eine Geburt kein Spaziergang ist! Ich war viel zu naiv und wollte gern den romantischen Geschichten der sanften Geburt glauben. Da liegt ein kleines Missverständnis vor: sanft sollte die Geburt für das Baby sein (lies dazu Leboyer).
Ohne zu reflektieren, habe ich diesen Wunsch auf mich übertragen und dachte, auch ich könne eine sanfte Geburt haben. Somit war das Erwachen aus dieser Illusion (die von Social Media und Geburtshaus-Webseiten gefördert wird) mit noch mehr Kontrollverlust und Versagensgefühl verbunden. Zumindest DAS hätte ich mir sparen können, wenn ich mit realistischen Vorstellungen in die Geburt gegangen wäre (doch wer will schon seiner Mutter glauben?). Und auch dann hätte die Wirklichkeit alles übertroffen. - Lerne dich so gut wie möglich kennen! Gibt es etwas, wovor du Angst hast? Was ist dir wichtig?
Gibt es Trigger für dich? Was brauchst du, um dich sicher zu fühlen?
Es ist wirklich wichtig, dass du dir vorher Gedanken darüber machst, was du brauchst.
Denk mal an vergangene medizinische Eingriffe: Was lief gut? Was lief schlecht?
Ein Beispiel: Es kann bedeutungsvoll sein, dass die behandelnde Person jede Berührung ankündigt. Also zum Beispiel: „Ich werde jetzt mit zwei Fingern den Muttermund abtasten.“ Es ist ebenfalls wichtig, dass diese Person abwartet, bis du und dein Körper das Signal gebt, bereit zu sein!
Auch das kannst du vorher besprechen, indem du den Hebammen und Ärzten mitteilst, dass sie bitte warten sollen, bis du dein Okay zur Untersuchung gibst. - Nachgewiesen wurde, dass Trauma nach einer Geburt verhindert werden kann, wenn die Gebärende gut betreut wird und nicht das Gefühl hat, allein gelassen zu werden. Ebenfalls präventiv wirkt eine Nachbesprechung, um das Geschehene besser zu verstehen und gleichzeitig mit den eigenen Gefühlen gesehen zu werden.
Was kannst du tun, wenn du Gewalt unter der Geburt erfahren hast?
Hol dir Unterstützung:
Sprich mit einer vertrauten Person darüber. Und hol dir auch professionelle Hilfe von Menschen, die mit dem Thema Erfahrung haben.
Hast du deine Frau „nur“ begleitet und weißt nicht, wie du jetzt mit ihr umgehen kannst? Vielleicht wunderst du dich, warum es dich so mitnimmt?
Auch du bist betroffen und kannst dir Hilfe holen! Das Erleben von Gewalt traumatisiert auch Zeugen!
- Hilfetelefon für Frauen 0800 116016
- Verein Traum(a) Geburt für Betroffene und Angehörige
- Somatic Experiencing
Jede Form der Therapie ist hilfreich, am besten ist natürlich Traumatherapie und meiner Meinung nach Somatic Experiencing. Dies ist eine sehr sanfte, körperorientierte, traumatherapeutische Methode, die mit somatischen Symptomen arbeitet. Das Trauma muss nicht erzählt werden.
Unterstützend ist ebenfalls sehr sinnvoll, sich als Paar traumsensible Begleitung zu suchen. Ein/e geeignete/r Therapeut*in kann euch erklären, was im Nervensystem vorgefallen ist und wie ihr als Paar heilen und wieder in Kontakt kommen könnt.
Ich bin sehr dankbar für meine SE-Ausbildung, denn damit kann ich Frauen und Paare dabei unterstützen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten – so, wie ich meine Erfahrungen verarbeitet und integriert habe! Das ist wunderbar!
Melde dich gern bei mir, wenn du Unterstützung suchst!
Bis bald und bleib neugierig auf dich!
Deine


Hi, ich bin Anke!
Als Traumatherapeutin unterstütze ich dich darin, dein Nervensystem zu stabilisieren und wieder in deine Kraft zu kommen!



