Hin und her, hin und her, Zähneputzen – das ist schwer!

Zähne zeigen statt Zähne putzen

Immer wieder werde ich angesprochen von verzweifelten Eltern, deren Kleinkinder nicht Zähneputzen wollen. Das ist ein Dauerbrenner und ich erzähle in Beratungen und Seminaren jedes Mal gern davon, wie das damals mit meiner 2jährigen Tochter war.

Doch fange ich von vorn an:

Als ich 2013 zum ersten Mal im ddif saß, da brannten mir viele Fragen auf den Nägeln, u.a. auch die Zahnputzfrage. Denn da sind wir uns doch einig: Zähneputzen ist wichtig und muss gelernt und geübt werden! Ich wollte natürlich eine gesundheitsbewusste und gute Mutter sein und meiner Tochter den Grundstein für ein Leben mit gesunden Zähnen legen.

Meine Tochter sah das anders: sie war zwei Jahre alt und verweigerte seit einiger Zeit das Zähneputzen. Mein Drang zum Putzen wurde angesichts ihres vollständigen Gebisses jedoch immer größer und ich probierte alles, was mir zur Verfügung stand. Angefangen mit passendem Liedchen und Schmeicheleien bis hin zu Versprechungen und Drohungen. Immer öfter begegnete sie mir mit zugekniffenem Mund und funkelnden Augen. NEIN MAMA! Uns wurde klar, dass, wenn wir diesen Weg konsequent weitergehen würden, wir sie festhalten müssten. Wir waren in einer Sackgasse angekommen und konnten keinen Ausweg erkennen. Schließlich müssen die Zähne doch sauber sein, nicht wahr? Ich wusste, dass ich nicht soweit gehen wollte, da war die Grenze erreicht. Wir fühlten uns so hilflos, in unseren Gehirnen stand geschrieben „Putze Deinem Kind die Zähne, sonst leidet es sein Leben lang. Es muss das jetzt lernen.“ Mit dem Gedanken an eine gesunde Zahnzukunft waren wir also kurz davor, ihr genau dafür Gewalt anzutun, es schien keinen anderen Weg zu geben… oder doch? 

Wenn ich das jetzt schreibe, kommt es mir absurd vor, aber damals waren wir einfach verzweifelt und wollten das Beste für unser Kind. So wie Du. Ehrlich.

Glücklicherweise fragte ich Christine Ordnung im Seminar um Rat und sie stellte mir eine Frage, die mich tief im Herzen traf, meine Sichtweise komplett auf den Kopf stellte und für die ich ihr heute noch dankbar bin:

„Was ist schlimmer für Dich: ein Loch im Zahn oder ein Loch in der Beziehung?“

Ups! Da musste ich doch schlucken, daran hatte ich ja gar nicht gedacht! Klar, ich hab es gespürt, ich wusste, dass es nicht in Ordnung ist, sie festzuhalten und doch dachte ich, es sei vielleicht zu rechtfertigen, wenn sie dann wenigstens saubere Zähne hätte. Und schließlich… ist sie nicht selbst schuld, wenn sie sich weigert, den Mund aufzumachen? Oh ja, das dachte ich damals – VOR dieser Frage!

Mir wurde klar, dass ich die Verantwortung dafür trage, wenn ich meine Tochter festhalten würde. Ich würde das nicht tun, weil sie sich weigert (damit hätte sie ja unheimlich viel Macht über mein Verhalten!), sondern ich würde es tun, weil ich hilflos bin und nicht weiß, was ich besser machen könnte. Mir wurde klar, dass das Schlimmste, was meiner zweijährigen (erfolgreichen) Zahnputzverweigerin passieren könnte, ein Loch im Zahn sei. Das würde der Zahnarzt entfernen und ich könnte neben ihr sitzen und ihre Hand halten und für sie da sein (natürlich ohne zu sagen oder zu denken „selbst schuld“!). 

Ein Kind jedoch festzuhalten und ihm gewaltsam eine Zahnbürste in den Mund zu stecken ist orale Gewalt. Das Kind wird überwältigt und ein Gegenstand wird in seinen Mund geschoben – mit welchem Ziel auch immer. Es bleibt Gewalt!

Und das schlimmste an der Sache: Das Kind wird überwältigt von seinen eigenen Eltern. Die Personen, die es liebt, von denen es abhängig ist und bei denen es eigentlich Schutz bekommen sollte. Im Kind findet in dem Moment eine Spaltung statt: Einerseits wird der Schutzreflex angesprochen (das Kind will sich vor dem Übergriff schützen und wehrt sich) und gleichzeitig ist aber auch der Bindungsreflex aktiv (das Kind will eigentlich Schutz suchen bei seiner Bezugsperson). Wenn das Kind sich nun schützen muss vor der Person, an die es sich gleichzeitig binden will und aus seinem Überlebensinstinkt heraus auch binden muss………………..Das Dilemma kannst Du Dir sicher vorstellen! 

So entsteht Trauma. 

Die Wende im Bad:

Ich ging am nächsten Tag zu meiner Tochter mit folgenden Worten:

„Ich weiß, dass du nicht gern Zähne putzt. Ich weiß nicht, was genau daran schlimm ist für dich, aber es scheint schlimm zu sein und deshalb möchte ich, dass du ab jetzt entscheidest, ob und wie lange du putzt. Es ist mir wichtig, dass du putzt und ich werde dich morgens und abends daran erinnern. Aber ich werde dich nicht mehr zwingen, denn das mag ich gar nicht.“

Sie konnte erstmal nicht ganz glauben, was ich da sagte und probierte es sofort aus: Zahnbürste in den Mund, Blick zur Mutter, 2 Sekunden bewegt, Zahnbürste wieder raus mit den Worten „Fertig!“ und wieder Blick zur Mutter. Ich gebe zu, ich war nah dran zu säuseln „na vielleicht noch ein bisschen länger?“ aber ich schluckte es herunter und lächelte tapfer.

Ich muss sagen, dass es für mich sehr sehr schwer auszuhalten war, dass sie nur sekundenlang putzte. Diese Phase ging über Wochen: mal waren es 2 Sekunden und mal 10, es war ehr ein Austesten als ein Zähneputzen. Was für eine Aufgabe für eine ambitionierte Mutter wie mich!

Ich habe dabei gelernt, ihre Grenzen zu akzeptieren und ihr Bedürfnis nach Eigenverantwortung zu respektieren. Sie hat mir eine harte und doch so wertvolle Lektion erteilt!

Irgendwann sagte sie mal zu mir: „Du putzt doch auch nie“ und da fiel mir auf, dass sie mich dabei ja nie sah, weil ich putzte, wenn sie schlief. Also putzte ich zur gleichen Zeit mit ihr und irgendwann (waren inzwischen schon Monate vergangen?) putzte sie auch ihre drei Minuten. Seit sie sieben ist benutzt sie sogar Zahnseide. Ganz allein übrigens. Heute ist sie zehn, findet es toll, wenn nach der Prophylaxe ihre Zähne so schön glatt sind und hatte bisher kein einziges Loch!
So ist es bei meiner Tochter – es gibt natürlich keine Garantie dafür!

Es geht auch nicht darum, ob das Kind nun ein Loch im Zahn bekommt oder nicht. Es geht darum, dass ich als Mutter oder Vater in Beziehung gehe mit meinem Kind und dass ich unserer Beziehung einen höheren Stellenwert gebe als geputzte Zähne.

Wenn ich diese Geschichte in meinen Beratungen und Seminaren erzähle bekomme ich oft Gegenwind und die meisten schütteln den Kopf. So war es auch bei einem Seminar vor wenigen Wochen, bei dem eine Teilnehmerin mich wegen eben dieser Geschichte um Rat fragte. Die Situation im Bad eskalierte immer mehr und Kind und Eltern waren total unglücklich und verzweifelt. Etwas ungläubig, aber offen für einen neuen Weg gab sie ihrem Sohn die Verantwortung für seine (Köper-) Grenzen zurück.

Ich freute mich riesig, als sie mir neulich mitteilte, dass sie, so wie ich damals, zu ihrem 3-jährigen Sohn gegangen ist und er „kurioser Weise jetzt freiwillig putzt seitdem er nicht mehr gezwungen wird“.

Dieses Feedback macht mir immer noch eine Gänsehaut! WOW, wie schön! Die Situation hat sich für alle Beteiligten entspannt.

Wenn Du in einer ähnlichen Situation bist: probier es aus! Ein Loch im Zahn lässt sich leichter flicken als ein Loch in der Beziehung zu den eigenen Eltern! Denk daran: niemand mag zu etwas gezwungen werden oder manipuliert werden. Das betrifft ganz besonders unseren eigenen Körper. Kinder haben ein Recht auf körperliche und emotionale Unversehrtheit und Du kannst ihnen dieses Recht zugestehen.

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