Beziehungskompetenz



Was ist das eigentlich?

Kompetent, also gut darin sein, eine Beziehung zu führen, ist doch klar, nicht wahr? 

Viele Paare werden mir bestätigen, dass man in einer Beziehung leben und trotzdem das Gefühl haben kann, dass Verbindung fehlt und dass es schwer ist, in Beziehung zu gehen – also beziehungskompetent zu sein. Früher bin ich davon ausgegangen, dass eine Beziehung nur dann gut ist, wenn wir uns gut verstehen, es keine Konflikte gibt usw. Heute weiß ich, dass eine Beziehung gut ist, wenn wir so in Verbindung gehen, wie wir gerade da sind in unserer Beziehung.

Oder, wie es Jesper Juul formulierte:

„Eine Beziehung ist dann gut, wenn sie nah an der Realität ist“.

Ach je, was heißt denn das schon wieder? Auch dafür brauchte ich eine Weile, um es zu verstehen. Im Laufe meiner eigenen Beziehung und in meiner Beratungspraxis konnte ich erkennen, was er damit meinte. Ich konnte es immer öfter spüren, auch wenn die Paare das oft (noch) nicht wahrhaben (wollen/können). So ist da vielleicht ein zerstrittenes Paar und findet nicht zueinander. Jeder scheint am anderen Ende einer sehr wackeligen Wippe zu stehen, nah dran zu fallen, Dann gibt es diesen Moment, in dem rauskommt, dass er sich aus einem Schutzbedürfnis heraus zurückzieht vor ihr und sie immer weiter auf ihn einredet, weil sie genau das nicht aushalten kann. Ein Teil von ihr fühlt sich von diesem Rückzug bedroht. Vielleicht kennt sie dieses schmerzliche Gefühl von früher, weil sie mit Liebesentzug bestraft wurde oder ein Elternteil durch Scheidung verschwand – Fakt ist, dass sie seinen Rückzug als bedrohlich empfindet. Und vielleicht erlebte er Grenzüberschreitungen als Kind, tätlich oder verbal, sodass er sich sofort einkapselt, sobald jemand „mehr“ von ihm will, als er gerade zu geben bereit ist. Fakt ist jedenfalls, dass er sich von ihrer Art ebenfalls bedroht fühlt und sich durch seinen Rückzug selbst schützen will.

Wenn man an diesem Punkt ankommt, dann wird es oft unangenehm für beide. Denn sie sind dann sehr verletzlich und haben oft das Gefühl, ganz weit auseinander zu stehen. Meiner Meinung nach ist das aber nicht so. Es scheint so, wenn man in der Kategorie denkt „wenn A so ist, weil B so ist, und B so ist, weil A so ist… dann kann es ja keine Lösung geben“.

In meiner Wahrnehmung ist aber etwas ganz anderes passiert. Sie sind am Boden ihrer Realität als Paar angekommen.

„A ist so, weil A diesen Hintergrund hat und B ist so, weil B diesen Hintergrund hat.“

A hat etwas sehr wichtiges über sich und über B erfahren. Und B hat etwas wichtiges über sich und auch über A erfahren. Mit etwas Offenheit füreinander können sie erkennend, dass jede/r für sein Verhalten einen guten Grund hat. Wenn man den sehen kann, dann kann man aufhören, das Verhalten des Partners oder der Partnerin persönlich zu nehmen. Dann ist auch der Raum da, seinen eigenen guten Grund zu betrauern und da zu sein, wenn der/die Andere seinen guten Grund betrauert. Das ist der Moment, in dem wir wieder Beziehung spüren können und in dem wir Beziehungskompetent werden. In diesem Moment sitzen wir wieder fest auf unserer Wippe und können uns miteinander bewegen, ohne dass eine/r runterfällt.

Beziehungskompetenz heißt für mich, dass ich mich in der Beziehung zu anderen wahrnehme, dass ich spüren kann, was mein Gegenüber in mir auslöst – positives oder negatives – und dass ich weiß und spüre, dass der Andre nur der Auslöser ist, nicht aber der Grund für mein Gefühl. Wenn ich mich dafür interessieren kann, was ich beim Partner auslöse und welche Ursache sein Verhalten hat, dann trete ich in Verbindung mit ihm.

Das klingt vielleicht kompliziert, ist es aber gar nicht. Es reicht, sich zu zeigen und zu interessieren, damit Beziehung entsteht. Moment… das klingt nun doch wieder zu einfach. Also: es ist nicht kompliziert, aber es ist trotzdem nicht einfach! Denn wer von uns hat schon gelernt, sich verletzlich zu zeigen? Sich in Konflikten zu öffnen, statt sich zu verteidigen? Ungewohntes Feld, ich weiß!

Ich habe den Zugang dazu erst durch Jesper Juul entdeckt und In meiner Ausbildung zur Familientherapeutin am ddif habe ich eines richtig gut gelernt: zu erkennen, was beziehungsfördernd ist und was nicht. Ich habe gelernt zu spüren, welches Verhalten und welcher Satz eine Verbindung schafft und welches nicht. Dafür bin ich sehr dankbar und das gebe ich gern weiter!

Beziehungskompetenz zu erwerben ist auf jeden Fall ein Prozess, keine einmalige Angelegenheit. Es ist aber ein Prozess, der mit einem einzigen Schritt begonnen werden und Dein Leben auf einen neuen Weg bringen kann 🙂

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